Die jüdische Familie Stößl
Bürgerliches Leben in Steyr
Julius Stössl1 wurde am 9.8.1887 in Wien geboren. Er übte den Beruf eines Rechtsanwalts in Steyr und später in Innsbruck aus.2
Am 22. Jänner 1922 heiratete er Hedwig Pollak (*4.1.1896), eine Tochter von Nathan und Sidonie Pollak, die in Steyr in der Enge Gasse 6 ein Kleidergeschäft betrieben. Nathan Pollak war ein sehr beliebter Kaufmann, weil er in der Notzeit der 1930er Jahre seinen Kunden ihre Einkäufe stundete. Er war über lange Jahre – von 1920 bis zu seinem Tod 1933 – Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde. Auf seinem Grabstein ist zu lesen: „Ein edler Menschenfreund!“
Hedwig Stössl war Pharmazeutin. Das Ehepaar Julius und Hedwig Stössl wohnte mit seinen Kindern Albert (*1924) und Gertrud (*1926) in der Schlüsselhofgasse 19, in einem Haus, das Dorothea Pollak, der Schwester von Hedwig Stössl, gehörte.3
Die Zeitzeugin Margarethe Buglmüller, die als Hausgehilfin und Kindermädchen bei Familie Stössl beschäftigt war, erzählte in ihren „Erinnerungen“, dass sie bei der jüdischen Familie eine schöne Zeit verbracht habe. Sie berichtete auch, dass Dr. Julius Stössl nur einmal im Monat von Innsbruck nach Hause kam. Von den Kindern, die sie als „aufgeweckt“ beschrieb, erfuhr sie, dass die Familie jüdisch war und dass Hitler die Juden hasse. Als die Familie andeutete, dass sie emigrieren müsse, sobald Hitler auch in Österreich die Macht übernehmen würde, sah sie sich um eine andere Arbeitsstelle um.4
Entrechtung, Enteignung, Vertreibung
Mit der Annexion Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938, dem sogenannten „Anschluss“, begann die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung auch hierzulande. Antisemitische Hetze beherrschte die Lokalpresse.
Den jüdischen Rechtsanwälten wurde bis Ende 1938 die Zulassung zur Ausübung ihres Berufes entzogen. Schon im Juli 1938 wurde 791 jüdischen Rechtsanwälten aus dem gesamten österreichischen Rechtsanwaltstand die vorläufige Ausübung ihres Berufes untersagt.5 Die Steyrer Zeitung vom 3. Juli 1938 berichtet, dass davon der „Judenanwalt Dr. Julius Stössl“ betroffen sei.6 Im gleichen Monat wurde er mit anderen Steyrer Juden verhaftet und in den Polizeigefängnissen in Steyr und Linz einige Tage eingesperrt.7

Wie sehr die Familie Stössl – und mit ihr wohl viele andere jüdische Familien – die Auswanderung als einzige Möglichkeit sahen, der nationalsozialistischen Verfolgung und drohenden Ermordung zu entkommen, zeigen die Auswanderungsbögen der Fürsorgezentrale der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. In ihren am 8. Juni 1938 ausgefüllten Formularen gibt Hedwig Stössl Auskunft über ihre Familie und ihre berufliche Tätigkeit als Pharmazeutin. Sie hält fest, dass sie im Büro und im Verkauf arbeiten könne, ebenso aber auch kochen, einen Haushalt führen und Klavierunterricht erteilen. Darüber hinaus erklärt sie, am neuen Aufenthaltsort kosmetische Präparate oder Pflegemittel herstellen oder als Laborantin in einem chemisch-pharmazeutischen Betrieb tätig sein zu können. Ja, sie betont sogar, dass sie jede Arbeit annehmen würde. Als gewünschte Zieldestinationen nennt sie Länder auf mehreren Kontinenten, darunter Palästina, USA, Argentinien, Kolumbien und Zypern. Die Auswanderung der gesamten Familie, so vermerkt sie abschließend, solle so rasch wie möglich erfolgen.8
Die Auswanderung verzögerte sich. Im August 1938 übersiedelte Dr. Julius Stössl nach Wien. Mit ihm zog sein Sohn Albert, der bis 25. Oktober 1939 im Wiener Melderegister aufscheint. Ihm und seiner Schwester Gertrud gelang die Flucht nach Kanada. Ihre Mutter Hedwig blieb noch in Steyr, sie ist erst ab Ende Oktober 1939 bei ihrem Mann in Wien gemeldet.9
Sie ersuchte noch 1941 die Gestapo in Linz, über das Guthaben ihrer Mutter von mehreren tausend Reichsmark verfügen zu können, da sie das Geld dringend für ihre Ausreise und jene ihres Mannes nach den USA oder Shanghai benötige. Das Geld stamme aus dem Verkauf des Hauses und Geschäftes ihrer Mutter Sidonie Pollak, Enge Gasse 6. Hedwig gab an, dass sie die Auswanderung ihrer Mutter, ihrer Schwester Rosa Fiala und ihrer Kinder aus ihren eigenen Mitteln bestritten habe. Der Antrag wurde abgelehnt und das Guthaben ihrer Mutter Sidonie 1941 zugunsten des Deutschen Reiches für verfallen erklärt. Nach dem Krieg, im Jahr 1947, wurde für das Haus Schlüsselhofgasse 19, das 1938 „arisiert“ worden war, ein Rückstellungsverfahren eingeleitet, das 1948 mit einem „Vergleich“ mit Dorothea Pollak endete.10
In Wien wechselte das Ehepaar Stössl bis zur Deportation mehrmals die Wohnung, lebte zuletzt im 2. Bezirk, Schwarzingergasse 6/5.11
Am 9. Oktober 1942 wurden Julius Stössl und seine Frau Hedwig mit dem Transport 45 von Wien nach Theresienstadt deportiert.12
Julius Stössl wurde am 1. Oktober 1944 von Theresienstadtnach Auschwitz überstellt und ermordet. Hedwig wurde 1945 aus Theresienstadt befreit und emigrierte in die Vereinigten Staaten von Amerika (Kalifornien), wo sie 1997 im 101. Lebensjahr verstarb.13


Zwei Stolpersteine für Julius Stössl und Hedwig Stössl, geb. Pollak, vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Stössl, Schlüsselhofgasse 19, erinnern an das Schicksal der jüdischen Familie.
©Waltraud Neuhauser-Pfeiffer
1 Für den Familiennamen „Stössl“ findet sich in älteren Dokumenten auch eine abweichende Schreibweise, nämlich „Stößl“. Der Name wird jedoch überwiegend – auch von der Familie selbst – als „Stössl“ geschrieben (Anmerkung der Verfasserin)
2 Wiener Zeitung, Amtsblatt zur Wiener Zeitung und Zentralanzeiger für Handel und Gewerbe, 17.1.1922, 11; Hohenems Genealogie. Jüdische Familiengeschichte in Vorarlberg und Tirol. URL: https://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I4053&tree=Hohenems (aufgerufen am 2.4.2024)
3 Vgl. Stadtarchiv Steyr (StA Steyr), Evidenzprotokoll Heimatmatrik (1880-1924), Bd. 8, S 320; Standesamt Steyr, Heimatrolle, Katasterblatt Nr. 4899; Neuhauser-Pfeiffer, Waltraud – Ramsmaier, Karl: Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr (Grünbach 1998) 82, 88f., 91-92, 242, 132-135
4 Bugmüller, Margarethe: Wieso, warum? Meine Zeit, mein Leben (Eigenverlag) 54-57
5 Neuhauser-Pfeiffer – Ramsmaier: Vergessene Spuren 121-123; Salzburger Volksblatt, 17.1.1939, 8
6 Steyrer Zeitung, 3.7.1938, 3
7 Neuhauser-Pfeiffer – Ramsmaier: Vergessene Spuren 150-153
8 Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien, jüdische Auswanderungsanträge, 1938-1939, URL: www.myheritage.at/research/collection-11000/osterreich-wien-judische-auswanderungsantrage-1938-1939?legacyCategoryCollectionUrl=1&itemId=59187-&action=showRecord&recordTitle=Hedwig+Stössl (aufgerufen am 3.8.2026)
9 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Historische Meldeunterlagen, MA8-B-MEP-870734-2023, Schreiben vom 14.7.2023
10 Neuhauser-Pfeiffer – Ramsmaier: Vergessene Spuren 132-134
11 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Historische Meldeunterlagen, MA8-B-MEP-870734-2023, Schreiben vom 14.7.2023
12 Arolsen Archives, Deportationen und Transporte, Transport 45: Deportation von Wien nach Theresienstadt, 22.07.1942. URL: https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/130502255?s=Stössl%20Julius&t=533004&p=0
13 Find a Grave: Hedwig Pollak Stoessl. URL: https://de.findagrave.com/memorial/17915844/hedwig_stoessl (aufgerufen am 4.4.2024)