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Von Steyr nach Krakau – das Schicksal der Familie Garde

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Von Waltraud Neuhauser-Pfeiffer

Einige Tage nach dem „Anschluss“ im März 1938 war Walter Garde noch Oberstufenschüler im Steyrer Realgymnasium. Vor seiner Bank hatte ein Mitschüler ein Plakat angebracht: „Hier sitzt ein Jud!“

Die Professoren reagierten an jenem Märztag beim Betreten der Klasse unterschiedlich darauf – einer verlegen, ein anderer höhnisch grinsend. Erst der Klassenvorstand forderte in der vierten Stunde die Schüler zum Entfernen des Plakates auf. Damals war Franz Karl Stanzel fünfzehn Jahre alt und Mitschüler von Walter Garde.

Bis zu seinem Lebensende war es dem 2023 im 101. Lebensjahr verstorbenen emeritierten Grazer Universitätsprofessor unverständlich, warum die Klassenkameraden nicht über den Vorfall diskutierten und noch unverständlicher erschien es ihm, dass die Abwesenheit seines jüdischen Mitschülers zu Beginn des folgenden Schuljahrs von allen kommentarlos zur Kenntnis genommen wurde. Dabei war Walter Garde ein begabter und beliebter Schüler, der laut Stanzel mit seinen Klassenkameraden auch gerne seine Jausenbrote teilte.1

Walter Garde hat die 5. Klasse des Realgymnasiums laut Schulbericht das Schuljahr 1937/38 abgeschlossen.2 Sein Bruder Hugo besuchte in jenem Schuljahr die 8. Klasse. Als Reifeprüfungshausarbeit wählte er das Thema „Das Auge“ (Naturgeschichte). Dass die NS-Ideologie auch am Realgymnasium Steyr nur kurze Zeit nach dem „Anschluss“ Einzug hielt, lässt sich auch an den Themen der schriftlichen Klausurarbeiten in Deutsch ablesen. Das Thema „Der Traum von Deutschland und seine Erfüllung“ wählten 26 von 32 Kandidat:innen.3

Die kleinere Schwester Renée besuchte im Schuljahr 1937/38 die 1. Klasse des BRG Steyr bis zum Jahresende am 2. Juli 1938.4 In der Schülerbeschreibung des Zeugniskatalogs wird ihr ein sehr gutes Auffassungsvermögen und Pflichtbewusstsein bescheinigt.5

Im Schuljahr 1938/39 durften keine jüdischen Schüler:innen mehr aufgenommen werden.6

Jüdisches Leben in Steyr

Walters Vater, Jakob Garde (Jahrgang 1897), betrieb mit seiner Frau Marie (Jahrgang 1896) eine Krämerei und ein Damenkonfektionsgeschäft in der Enge Gasse 18, im 2. Stockwerk. Im selben Haus wohnte die fünfköpfige Familie auch. Das Geschäft war besonders bei der bäuerlichen Bevölkerung beliebt. Außerdem übte Marie Garde das Gewerbe einer Modistin aus. Das Ehepaar Garde, aus Polen stammend, hatte um 1918 das Damenmodegeschäft von Adele Sachs erworben, aufgebaut und renoviert. Seit Beginn der 1920er Jahre führte die Israelitische Kultusgemeinde Steyr Jakob Garde als Mitglied in ihren Protokollen. Um 1937 traten die Gardes zum katholischen Glauben über.7

Briefkopf Jakob Garde (©Oberösterreichisches Landesarchiv)

Im Sommer 1938 kam es zu Übergriffen auf jüdische Geschäfte. Franz Karl Stanzel erinnerte sich, dass auch das Geschäft der Gardes mit antisemitischen Parolen wie „Kauft nicht beim Juden“ beschmiert worden war.8 Jakob Garde wurde im Sommer 1938 mit anderen jüdischen Bürgernverhaftet.9

Das Ehepaar musste sein gesamtes Vermögen an die NS-Behörden melden und detaillierte Listen erstellen. Jakob und Marie Garde ersuchten im August 1938 die Gauleitung „Oberdonau“ um Freigabe von 1000 Reichsmark aus ihrem Vermögen, da sie über kein Geld mehr verfügten. Sie sollten das Land bis zum 25. August 1938 verlassen, übersiedelten zunächst nach Wien und schließlich Mitte September 1938 nach Krakau. Ein kommissarischer Verwalter wurde bestellt, der mit der Liquidierung des Steyrer Geschäftes beauftragt war. Er ließ das Vermögen bewerten, die lagernde Konfektionsware abverkaufen und den verbliebenen Warenbestand um 20 % des Wertes veräußern. Erst Ende 1943 wurde das Restvermögen des Ehepaares Jakob und Marie Garde nach großem bürokratischen Aufwand zugunsten des „Deutschen Reiches“ eingezogen.10 Hinter der peniblen Scheinrechtmäßigkeit verbarg sich die Ungeheuerlichkeit der Enteignung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung.

Propaganda und Hetze

Die nationalsozialistische Tageszeitung Steyrer Volksstimme, die Nachfolgerin der Steyrer Zeitung, berichtete schon am 2. September 1938, dass die meisten zurzeit des „Anschlusses“ in Steyr wohnhaften Juden und Jüdinnen bereits ausgewandert seien oder kurz davor stünden. Unter dem Titel „Der Auszug Israels aus der alten Eisenstadt“ ist zu lesen:
Es dürfte der Tag nicht mehr allzu ferne sein, an welchem alle Söhne Israels, einerlei ob getauft oder ungetauft, restlos aus unserer Stadt verschwunden sein werden. […]; wo sie hin verschwinden ist vollkommen belanglos, die Hauptsache ist, dass die alte Eisenstadt bald vollkommen judenrein sein wird […]11

Zionistische Jugendgruppe: 1. Reihe (Zweiter von links) Walter Garde; 2. Reihe (Erster von rechts): Hugo Garde (©Privatbesitz)

In Krakau, wohin die Familie Garde flüchtete, mussten alle jüdischen Bewohner:innen ab März 1941 nach Podgórze, einem südlichen Viertel der Stadt, übersiedeln. Mit Mauer und Stacheldraht abgeriegelt und von der SS streng bewacht, waren 15.000 Menschen auf engstem Raum in diesem „Ghetto“ zusammengepfercht, bevor das Lager im März 1943 endgültig liquidiert wurde. Arbeitsfähige Juden und Jüdinnen wurden ins KZ Płaszów überstellt, die anderen – Alte, Schwache und Kinder – ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.12 In diesem Umfeld spielt auch der bekannte Film „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg.

Jakob Garde und die Kinder, der 22jährige Hugo, sein 19jähriger BruderWalter, der Schulkamerad von Franz Karl Stanzel, und die 15jährige SchwesterRenée, wurden bei einer sogenannten „Ghettoräumungsaktion“ am 7. Oktober 1942am Platz lgoda ermordet.

Renée Garde, 1937, Ausschnitt aus einem Klassenfoto
(©Irmgard Oberleitner)


Diese Angaben machte die lange Zeit tot geglaubte Marie Garde zwölf Jahre nach dem Krieg, 1958, als sie mit Hilfe ihres Neffen um eine Unterstützung beim Hilfsfonds ansuchte.

Was wir über ihr Leben nach der Vertreibung mit ihrer Familie nach Krakau im September 1938 wissen, ist ebenfalls aus diesem Ansuchen zu erschließen: Sie wurde am 20. November 1941 festgenommen und war bis zum 12. Juli 1942 im Gefängnis im Viertel Podgórze inhaftiert. Der Grund dafür ist unbekannt. Danach wurde sie von den Behörden in das Ghetto Krakau eingeliefert, wo auch ihr Mann und ihre Kinder bis zu deren Ermordung Anfang Oktober 1942 lebten.

Danach kam Marie Garde über das Arbeitslager und spätere Konzentrationslager Płaszów nach Auschwitz und schließlich in das Konzentrationslager Theresienstadt. Im Jahre 1945 wurde sie dort befreit.

Bis zum Dezember 1956 lebte sie vermutlich bei ihren Verwandten in Krakau und emigrierte dann nach Israel. Im März 1960 übersiedelte sie nach Frankfurt am Main, wo sie 1965 verstarb.13

Was bleibt?

Die jüdische Familie Garde wurde wie viele andere fast zur Gänze im Holocaust ausgelöscht. Die NS-Diktatur hatte Antisemitismus und Rassenwahn zum Programm gemacht. Sechs Millionen Juden und Jüdinnen und so viele andere von der NS-Ideologie als unerwünscht Gebrandmarkte wie Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung und Regimegegner wurden verfolgt, deportiert und ermordet.

Heute erinnert eine Gedenktafel am BRG Steyr an die Geschwister Walter, Hugo, Renée Garde und sechs weitere ermordete jüdische Schüler:innen der Schule – ein Geschichteprojekt, das 2005/2006 unter der Leitung der Geschichteprofessorin Angela Stockhammer realisiert wurde. Auch am jüdischen Friedhof sind die Namen der Familie Garde auf einer Gedenktafel zu finden.

Seit 2023 erinnern „Stolpersteine“ vor dem Haus, Enge Gasse 18, der ehemaligen Wohn- und Arbeitsstätte der Familie Garde, an ihr Schicksal. Der Stolperstein für Marie Garde wurde 2026 verlegt.

Weiterführende Literatur:

Neuhauser-Pfeiffer, Waltraud: Dazugehörig? Jüdisches Leben in Steyr von den Anfängen bis in die Gegenwart (Steyr, Verlag Ennsthaler 2021)

1 Stanzel, Franz Karl (Gastkommentar 10.3.2008): März 1938: An den nächsten Tagen fiel die Schule aus… URL: https://www.diepresse.com/368870/marz-1938-an-den-nachsten-tagen-fiel-die-schule-aus (aufgerufen am 6.4.2021).

2 61. Jahresbericht des Staatsrealgymnasiums Steyr, Steyr 1938, 31. URL: https://steyr.dahoam.net/wp-flippingbooks/JB/BRG/1937_38/index.html (aufgerufen am 3 .9.2026)

3 Ebd., 20

4 Ebd., 29

5 BRG Schularchiv, Zeugniskatalog 1937/38, Eintrag vom 9.11.1937

6 62. Jahresbericht der staatlichen Oberschule für Jungen in Steyr 1938/39, Steyr 1939, 34. URL: https://steyr.dahoam.net/wp-flippingbooks/JB/BRG/1938_39/36/index.htmlhttps://steyr.dahoam.net/wp-flippingbooks/JB/BRG/1938_39/index.html (aufgerufen am 3.9.2026)

7 Oberösterreichisches Landesarchiv, Arisierung: StRStAriFR04_320.jpg bis StRStAriFR04_0411.jpg; Finanzlandesdirektion: FiFLDBVFR06_0353.jpg bis FiFLDBVFR06_0358.jpg; Israelitische Kultusgemeinde (IKG): SoIKGFR01_1291.jpg bis SoIKGFR01_1299.jpg

8 Siehe Fußnote 1

9 Arrestanten-Protokollbuch des Polizeigefangenhauses Steyr (1.10.1936-31.8.1938), 297 f., zit. in: Neuhauser-Pfeiffer, Waltraud – Ramsmaier, Karl: Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr (Grünbach 1998), 150-152

10 Siehe Fußnote 7

11 Steyrer Volksstimme 2.9.1938, 7

12 URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Krakau (aufgerufen am 12.9.2022)

13 Österreichisches Staatsarchiv, Akten des Hilfsfonds, Akt AHF.29.064: Antrag von Marie Garde an den Hilfsfonds, 15.7.1957; Schreiben von Marie Garde an den Hilfsfonds, 18.5.1958; Ärztlicher Bericht, 3.7.1958; Schreiben von Marie Garde an den Hilfsfonds, 28.3.1960; Zahlungsanweisung des Hilfsfonds an Marie Garde, 1.12.1960; retour gesandter Brief des Hilfsfonds an Marie Garde, erhalten am 27.12.1965

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