Menü des Seitenleisten-Widget-Bereichs

Dies ist ein Beispiel-Widget, das zeigt, wie der Menü-Seitenleisten-Widget-Bereich standardmäßig aussieht. Du kannst individuelle Widgets hinzufügen aus dem Widgets in der Administration.

Rosa Eisler und Tochter Margarete Füreder

Leben in Steyr

“Ich wurde in Steyr in Oberösterreich geboren, einer wunderschönen alten Stadt, umgeben von meinen geliebten Bergen.“ So beginnt Margarete Füreder (geb. Eisler) im Jahr 2001 den Bericht über ihr Leben, beginnend mit dem Tag ihrer Geburt am 10. Juli 1919 in Steyr.1

Ihre Mutter Rosa Eisler (geb. Metzl) war bereits am 20. August 1893 in Steyr geboren worden. Die Familie stammte ursprünglich aus Böhmen, heute Tschechien. Jacob Metzl, der Großvater von Rosa, war einer der Hauptsponsoren für die Steyrer Synagoge, eröffnet 1894.

Grete Eisler mit ihrer Mutter Rosa und Großmutter in Steyr 1929, ©privat

Der Ehemann von Rosa Eisler und Margaretes Vater, Adolf Eisler, stammte aus Liezen in der Steiermark. Die Familie kämpfte mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in der Zwischenkriegszeit und zog aufgrund von besseren Arbeitsmöglichkeiten kurzzeitig nach Wien, wo Rosa als Kindergärtnerin arbeitete. Nach der Rückkehr nach Steyr wohnte die Familie in unterschiedlichen Stadtteilen, wo sie sich mit Gelegenheitsarbeiten wie Nähen über Wasser hielten.
„Im Winter bildete sich drinnen an den Wänden Eis, und meine arme Mutter bekam Arthritis,” schrieb Margarete später über diese schwierige Zeit. Die Ehe der Eltern war nicht glücklich. Margarete Eisler besuchte die Volksschule in der Berggasse und später die Mädchen-Hauptschule in Steyr. Danach beschloss sie, das Schneiderhandwerk zu erlernen. 1936 verstarb die Großmutter von Margarete Eisler – Julie Metzl – und wurde am Steyrer Jüdischen Friedhof begraben.
„Sie hatte Glück, dass sie die Hitler-Zeit nicht miterleben musste,” schrieb ihre Enkelin später.

Verfolgung und Vertreibung

Als Margarete gerade einmal 18 Jahre alt war und als Schneiderin in Steyr arbeitete, erlebte sie den „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938. Sie nahm wahr, wie rasch sich die Situation für Juden und Jüdinnen verschlechterte.
„Es war traurig, dass einige gute alte Freunde nicht mehr mit uns sprachen. Oft wurde ich als ‚du jüdisches Schwein – verschwinde von hier‘ beschimpft. Wir durften weder ins Kino noch ins Restaurant oder ins Theater gehen. An den jüdischen Geschäften hingen Schilder mit der Aufschrift ‚Vorsicht, Juden‘. Das war erst der Anfang.“

Die Verfolgungsmaßnahmen der Nazis wurden immer schlimmer: 1938 wurden Margarete und ihre Mutter während der Reichspogromnacht in Steyr eingesperrt2, 1939 mussten sie den Vornamen „Sara“ zwangsweise annehmen und erhielten Kennkarte, die, die mit einem roten „J“ markiert waren.

1939 waren die beiden Frauen gezwungen, Steyr Richtung Wien zu verlassen. Sie konnten noch persönliche Dokumente, Unterlagen und ihren Hund ihrer guten Freundin Emma Lamac übergeben, die früher die Lehrerin von Margarete gewesen war. 1945 sollte Margarete von ihr alles wiederbekommen.

In Wien wurden Margarete und Rosa zur Arbeit verpflichtet und sie mussten den „Judenstern“ tragen.

Flucht nach Ungarn

Eine Flucht aus Nazi-Deutschland schien unmöglich. Margarete lernte 1941 den aus Linz stammenden Nicht-Juden Franz Füreder kennen und sie verliebten sich. Obwohl Franz Füreder zu dem Zeitpunkt bereits verheiratet war und Beziehungen mit Jüdinnen streng geahndet wurden, hielt er – trotz aller Schwierigkeiten – zu seiner Freundin. Als die Situation für sie in Wien immer bedrohlicher wurde, organsierte Franz Füreder die illegale und gefährliche Flucht für Margarete und ihre Mutter im Dezember 1941 nach Ungarn, wo er entfernte Verwandte hatte. Dort wurden sie im Internierungslager Ricse eingesperrt. Hunger war allgegenwärtig, doch wähnten sie sich weitgehend vor Verfolgung geschützt.
Gefälschte Papiere wiesen die Füreders als Ehepaar aus, was das Paar etwas schützte und 1943 gelang es Franz Füreder, mit seiner Familie Ricse zu verlassen und nach Budapest zu gelangen. Ebenfalls 1943 kam in Ungarn auch das erste gemeinsame Kind, Liselotte (später Alice), auf die Welt.3
1944 wurde Margaretes Mutter, Rosa Eisler, von der Familie getrennt, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Auch ihr Ehemann Adolf Eisler, von dem sie sich 1938 hatte scheiden lassen, war bereits 1942 dort ermordet worden.
Margarete, die aus der Entfernung die Deportation ihrer Mutter machtlos mit ansehen musste, schrieb später darüber:

„Ich konnte meiner Mutter nur zum Abschied zuwinken und weinte. Einer der Polizisten schob mich beiseite und sagte zu mir: ‚Hier wird nicht geweint.‘ Das war das Letzte, was ich von meiner Mutter sah, und es war der schlimmste Tag meines Lebens, den ich niemals vergessen werde.”

Kriegsende und Weiterleben

Nach der Befreiung durch die Sowjets ging die Familie im Sommer 1945 zurück nach Wien und wohnte ab September 1945 wieder in Steyr.
„Es war ein seltsames und trauriges Gefühl, wieder zu Hause zu sein.” Margarete Füreder war damit nur eine von sechs Jüdinnen, die nach 1945 wieder nach Steyr zurückkehrte. Im Dezember 1945 kam hier ihre Tochter Edith auf die Welt. Es war die erste Geburt eines jüdischen Mädchens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Steyr. Margarete Füreder baute sich in Münichholz nach dem Krieg mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern eine neue Existenz auf. In der Lannerstraße 2, wo die Familie wohnte, unterhielt sie einen Damen-Modesalon.4
Margarete Eisler engagierte sich nach 1945 in der wiedergegründeten Jüdischen Kultusgemeinde von Steyr, die von 1946 bis 1949 existierte. Sie gab mit ihrem Ehemann außerdem jüdischen Holocaust-Überlebenden Unterricht im DP-Camp am Tabor. Der Modesalon lief gut, die Familie hatte Freunde in der Stadt und auch die Kinder wuchsen in Steyr auf.
Doch als die Familie bemerkte, dass sich Steyrer nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer antisemitisch äußerten und ein Mann sogar meinte, er wünschte „alle Juden würden lebendig begraben werden“, sorgte sich das junge Paar um ihre Zukunft und jene der Töchter.

Neue Heimat: Israel und Kanada

Margarete und Franz Füreder beschlossen, Österreich zu verlassen und sie gingen 1949 in den neugegründeten Staat Israel, den einzigen Staat, in den sie als jüdische Menschen ohne große Voraussetzungen einwandern konnten. Daher trat auch Franz Füreder zum Judentum über.5 Die Familie kam gut in Israel an und knüpfte in ihrer neuen Heimat Kontakte mit ebenfalls aus Steyr vertriebenen Jüdinnen und Juden.
Doch das heiße und karge Klima bekam ihnen nicht, weswegen sie 1951 nach Kanada auswanderten, wo sich die Familie schließlich in British Columbia niederließ. Nur ein einziges Mal besuchten Margarete und ihr Mann Mitte der 1970er Jahre noch einmal Steyr. Margarete Füreder verstarb 2013 in Kanada.

2026 besuchte die Enkelin Kelly Helfrich gemeinsam mit ihrem Mann Warren Steyr, den Ort, wo ihre Mutter Edith 1945 das Licht der Welt erblickt hatte. Sie übergaben dem Archiv des Museums Arbeitswelt Originaldokumente aus dem Besitz ihrer Familie und ihres Cousins Frank Sipocz.

Heute leben in Kanada vier Enkelkinder sowie 12 Urenkel bzw. Ururenkelkinder von Margarete Füreder.

Frank Sipocz, der Enkel von Margarete Füreder, schrieb am 4. September 2026, im Namen der Familie folgende Zeilen an die Autor:innen:

„Wir, die Enkelkinder von Margarete Füreder (geb. Eisler, 1919–2013), sind tief bewegt, dass 13 Jahre nach ihrem Tod ihr Leben und ihr Andenken gewürdigt werden.
Unsere Großmutter war eine einfühlsame und zurückhaltende Frau, und vieles aus ihrem bemerkenswerten Leben blieb uns verborgen. Erst 2021, als wir ihr persönliches Tagebuch entdeckten, begannen wir, die Bandbreite ihrer Erlebnisse in Österreich, Ungarn und Israel zwischen 1919 und 1951 zu begreifen. Durch ihr Tagebuch lernten wir sie als Ehefrau und Mutter, als Geschäftsfrau und als Mitglied der jüdischen Gemeinde von Steyr kennen. Wir entdeckten ihre tiefe Liebe zur österreichischen Landschaft und zu den Bergen sowie ihre schmerzhaften Erinnerungen an die Verfolgung. Ihr Tagebuch gab uns einen Einblick in ein Leben, über das in unserer Familie bislang kaum gesprochen worden war. Wir erkannten, was für eine bemerkenswerte Frau sie war. Wir sind Martin Hagmayr und Maria Ritzlmayr-Gosch vom Museum Arbeitswelt in Steyr, Österreich, zutiefst dankbar für die Zeit, die Sorgfalt, die Überlegungen und das Engagement, die sie in die Recherche und die Aufarbeitung ihrer Geschichte gesteckt haben.“

Seit September 2026 erinnern zwei Stolpersteine in der Sierningerstraße 80 an Margarete Füreder und ihre Mutter Rosa Eisler, geb. Metzl.

Autor/innen: Martin Hagmayr und Maria Ritzlmayr-Gosch

Bildbeschreibung und Fotocredit:

1 Wenn nicht anders angegeben, stammen die Inhalte dieser Biografie und die wörtlichen Zitate aus den unveröffentlichten Notizen von Margarete Füreder, die sie in Kanada zwischen 2001 und 2004 verfasst hat. Eine Kopie der Notizen liegt den Autor:innen Martin Hagmayr und Maria Ritzlmayr-Gosch vor.

2 Neuhauser-Pfeiffer, Waltraud / Ramsmaier Karl: Vergessene Spuren (Grünbach 1998) 156

3 Moser, Jonny: Wallenbergs Laufbursche. Jugenderinnerungen 1938–1945 (Wien 2006) 105–106

4 Vgl. Stadtarchiv Steyr: Meldekarte zu Franz Füreder

5 Moser, Jonny: Wallenbergs Laufbursche. Jugenderinnerungen 1938–1945 (Wien 2006) 368.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung